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Archäologie des Bauernkriegs in Sachsen-Anhalt – Ein Projektrückblick

Archäologie des Bauernkriegs – ausgestellt

Das Landesmuseum präsentierte in einer Gesamtschau archäologische Funde aus den Trümmern der vor 500 Jahren zerstörten Klöster Himmelpforte und Kaltenborn sowie der wiederentdeckten Mallerbacher Kapelle, deren Erstürmung als erstes Vorzeichen der heraufziehenden Unruhen des Jahres 1525 in Mitteldeutschland gilt. Die Ausstellung führte wichtige Ergebnisse der laufenden Forschungsprojekte zusammen und wirft Fragen darüber auf, was sich tatsächlich während der Aufstände des Frühjahrs 1525 ereignete. Mit dem Spengler-Museum Sangerhausen und dem Harzmuseum Wernigerode wurden an lokalen Korrespondenzstandorten ebenfalls Sonderausstellungen zum Thema ausgerichtet.

Klöster. Geplündert. In den Wirren der Bauernaufstände

Kabinettausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) vom 28. Juni bis zum 30. November 2025.

Im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle wurde am 28. Juni 2025 die Kabinettausstellung ›Klöster. Geplündert. In den Wirren der Bauernaufstände‹ als Teil der dezentralen Landesausstellung ›Gerechtigkeyt 1525‹ eröffnet.

Sie führte erstmals grabungsfrische Funde der drei untersuchten Schauplätze des ›Bauernkriegs‹ zusammen und präsentierte der Öffentlichkeit den aktuellen Forschungsstand der laufenden Untersuchungen. Die bewusst kompakte Form stellte archäologische Zeugnisse aus den drei Orten direkt gegenüber und ermöglichte Besucherinnen und Besuchern so einen direkten Vergleich der sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen – aber auch des Ablaufs der Zerstörungen in den verschiedenen Klöstern.

Das Gestaltungskonzept von Klaus Pockrandt (Halle [Saale]) griff das gegenüberstellende Element der Ausstellung auf. Die farbliche Fassung der Wandverblendung in herrschaftlichem Karminrot und Purpur verwies auf Macht und Reichtum der Klöster. Die mit Schrägen arbeitende Architektur ließ an Brüche und Störungen denken und versinnbildlichte die gesellschaftlichen Reibungspunkte und Spannungen, die sich in den Ereignissen des ›Bauernkriegs‹ entluden. Als verbindendes Zentralelement in der kreisförmigen Raumgestaltung deutete das Leuchtbild eines vor dem Tod fliehenden Mönchs auf den weitgehenden Untergang der mittelalterlichen Klosterlandschaft in Mitteldeutschland.

Auf der einen, karminroten Seite stand das Bettelordenskloster Himmelpforte. Die bescheidenen Mönche waren bereits um das Jahr 1500 unter der Leitung ihres Priors Andreas Proles in schwere Konflikte mit dem Vatikan geraten. Proles lehnte die Erhöhung der Abgaben für die Untertanen ab und forderte von seinen Mönchen ein genügsames Leben streng nach den klösterlichen Vorschriften. Die Beziehungen zwischen den Mönchen und der Bevölkerung waren offenbar gut, dennoch stürmte Anfang Mai 1525 eine Gruppe Wernigeröder Bürger das Kloster und plünderte alles von Wert.

Auf der anderen, purpurfarbenen Seite steht Kaltenborn: Das Chorherrenstift gehörte zu den reichsten Konventen der Region. Schon ein Jahr vor Ausbruch der Unruhen nahmen die Konflikte deutlich zu. Bürger weigerten sich, ihre Abgaben zu leisten. Als am 30. April 1525 aufgebrachte Bauern das Gelände stürmten, hatten die Chorherren ihren wertvollsten Besitz bereits auf Wagen verladen und waren damit nach Halle geflohen. Viele der beteiligten Bauern zogen daraufhin nach Frankenhausen, wo der Aufstand kurz darauf sein grausames Ende fand.

Daran schloss sich ein kurzer Forschungsabriss zur Mallerbacher Kapelle an, deren Reste erst während der Ausstellungsvorbereitung wiederentdeckt wurden. Ein Schlagabtausch zwischen Müntzer und Luther sowie ein rezeptionsgeschichtlicher Überblick in Form von Nachworten aus verschiedenen Jahrhunderten rundeten den Rundgang ab.

Das Begleitprogramm zur Ausstellung

Ein breites Rahmenprogramm und museumspädagogische Angebote für Interessierte aller Altersgruppen ergänzten die Kabinettausstellung. Überaus gut besucht waren die Abendvorträge, in denen das Thema des Gedenkjahrs aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven beleuchtet wurde. Informationen zur Ausstellung gab es aus erster Hand bei den monatlich stattfindenden Kuratorenführungen im Laufe des Jahres 2025 (29. Juni, 27. Juli, 24. August, 14. September, 19. Oktober, 16. November).

Vortragsreihe

12. August 2025
Dr. Gerrit Deutschländer (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Historische Kommission für Sachsen-Anhalt): Himmelstür in Flammen. Die Plünderung der Klöster Kaltenborn bei Sangerhausen und Himmelpforte bei Wernigerode im Bauernkrieg.

2. September 2025
Dr. Thomas T. Müller (Stiftung Luthergedenkstätten / Thomas-Müntzer-Gesellschaft): Thomas Müntzer und Halle – Eine Spurensuche.

23. September 2025
Lucas Wölbing M. A. (Sächsische Akademie der Wissenschaften): Die Nacht der unschuldigen Kinder. Halles Bürger und die städtischen Revolten im Umfeld des Bauernkrieges.

7. Oktober 2025
Prof. Dr. Heiner Lück (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg / Sächsische Akademie der Wissenschaften): ›Gutes altes Recht‹ und ›Göttliches Recht‹. Zu Inhalt und Funktion zweier Kampfbegriffe im deutschen Bauernkrieg.

4. November 2025
Dr. Jan Scheunemann (Kulturstiftung Sachsen-Anhalt): Thomas Müntzer und der Bauernkrieg. Deutung und Rezeption von 1925 bis 1989.

18. November 2025
Prof. Dr. Dr. h. c. Lyndal Roper (University of Oxford / British Academy): Bei Gottes Wort stehen. Der Bauernkrieg als religiöse Bewegung.

25. November 2025
Prof. Dr. Felix Biermann (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Uniwersytet Szczeciński): Archäologische Spuren des Bauernkriegs in Sachsen-Anhalt.

Angebot der Museumspädagogik

8. Juli bis 1. August 2025 – Sommerferienwerkstatt mit wöchentlich wechselnden Themen:

Wallfahrt und Volksfrömmigkeit im Spätmittelalter – Gießen von Pilgerzeichen,
Die Herrschaft der Klöster – Gestaltung und Erprobung von Siegelstempeln,
Blick in die Klosterbibliothek – Verzieren von Büchern mit Buchschließen und -beschlägen sowie
Von Dreschflegeln und Sensen – Spätmittelalterliche Heere und Einführung in das Schmieden.


26. Oktober 2025 – Familiennachmittag: Der Teufel von Mallerbach – Gießen von Pilgerzeichen.


30. November 2025 – Familiennachmittag: Heiliges Schreibgerät – Herstellen und Ausprobieren von Schreibgriffeln.


Themenführungen durch die Kabinettausstellung für Schulklassen:

Unter der Regenbogenflagge – Thomas Müntzer und die Hintergründe der Bauernunruhen (alle Altersgruppen), 
Im Kräutergarten der Mönche und Nonnen – Leben im Kloster (ab 1. Klasse) sowie
Die Herrschaft der Klöster – Mittelalterliche Kritik an Klöstern und Klerus (ab 7. Klasse).

Korrespondenzstandorte

Ergänzend zur Kabinettausstellung in Halle (Saale) fanden 2025 zwei Präsentationen in regionalen Museen nahe den Fundorten statt. Das Harzmuseum Wernigerode thematisierte unter dem Titel ›Zwischen Himmel und Revolte. Kloster Himmelpforte und der Bauernkrieg‹ die Geschichte des zerstörten Augustiner-Eremitenklosters. Das Spengler-Museum Sangerhausen widmete die Ausstellung ›zerstört. vergessen. ausgegraben. Das Kloster Kaltenborn bei Emseloh‹ dem Schicksal des benachbarten Chorherrenstifts.

Die Ausstellungskonzepte entstanden mit fachlicher Beratung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Die sorgsam ausgewählten, grabungsfrischen Funde wurden anschließend in Rekordzeit von den Restauratorinnen und Restauratoren des Landesamts bearbeitet, um einen möglichst aktuellen Forschungsstand wiedergeben zu können.

Während sich das Landesmuseum auf die Ergebnisse der Forschungen an den drei authentischen Orten konzentrierte, ordneten die Sonderausstellungen in Wernigerode und Sangerhausen die jeweiligen Klöster detailliert in die Regionalgeschichte ein und thematisierten das Klosterleben sowie die Ereignisgeschichte vor Ort.

Ausstellungsgrafik und Werbemittel wurden aufeinander abgestimmt, um die einzelnen Standorte des Gesamtprojekts auch in ihrer Erscheinung klar miteinander zu verknüpfen.

Zwischen Himmel und Revolte. Kloster Himmelpforte und der Bauernkrieg

Sonderausstellung im Harzmuseum Wernigerode vom 14. März bis zum 10. August 2025.

Neben der Stadtentwicklung, dem städtischen Leben im Mittelalter und insbesondere der Rolle, die die Mönche des Klosters Himmelpforte darin spielten, thematisierte das Harzmuseum Wernigerode die Ereignisgeschichte um die Auflösung des Augustiner-Eremitenklosters nach dessen Plünderung im Frühling 1525. Die Ausstellung erfreute sich in der ›Bunten Stadt am Harz‹ einer überwältigenden Resonanz. Bereits zu ihrer feierlichen Eröffnung in der Aula des benachbarten Gymnasiums Wernigerode war das Besucherinteresse so groß, dass die 350 Plätze im Saal nicht ausreichten. Die museumspädagogischen Angebote, der Wernigeröder Museumsfrühling und nicht zuletzt die Führungen und Vorträge waren gut besucht.  Besondere Erwähnung verdient hier das Engagement von Eberhard Schröder, der sich in seinem aktuellen Buch unter anderem mit dem Schicksal der Himmelpforter Klosterglocke befasste und Dr. Uwe Lagatz, dem es gelang, eines der Bücher der verschwundenen Klosterbibliothek wiederzuentdecken, das sich nun im Archiv des Harzmuseums befindet.

zerstört. vergessen. ausgegraben. Das Kloster Kaltenborn bei Emseloh

Sonderausstellung im Spengler-Museum Sangerhausen vom 30. April 2025 bis zum 6. Januar 2026).

Genau 500 Jahre nach der Plünderung und Zerstörung des einst reichen Augustiner-Chorherrenstifts Kaltenborn eröffnete das Spengler-Museum Sangerhausen seine Ausstellung ›zerstört. vergessen. ausgegraben.‹. Die Ausstellung präsentierte ausgewählte Funde und erläuterte ihre ursprüngliche Funktion und Verwendung, zeigte die bedeutende Rolle des Stifts in der Regionalgeschichte auf und beleuchtete insbesondere die spätere Erinnerungskultur, zu der zahlreiche Legenden gehören, die sich bis heute um den verschwundenen Konvent ranken.

In enger Zusammenarbeit mit lokalen Geschichtsvereinen gelangen die Wiederentdeckung und die Dokumentation zahlreicher Baufragmente aus Kaltenborn. Sie waren nach dem Abriss der Klostergebäude in verschiedenen Orten der Umgebung wiederverbaut worden: Ein Säulenkapitell stand, zur Vogeltränke umgearbeitet, einst im Hof des Dorfschulzen, heute am Eingang des Spengler-Museums; ein Portal schmückt heute eine Wand der Dorfgaststätte. Kulturelles Erbe wird so für jedermann buchstäblich greifbar und die Ereignisse von 1525 rücken plötzlich ganz nah. Gleichzeitig zeigt dieses Projekt das große Potenzial von ehrenamtlichem Engagement und Citizen Science, insbesondere für die Denkmalpflege.

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