Archäologie des Bauernkriegs in Sachsen-Anhalt – Ein Projektrückblick
500 Jahre ›Bauernkrieg‹
Aus den zwölf Artikeln der Bauern von Obhausen; Mai 1525: »Etliche Güter haben die Gutsherren mittlerweile eingenommen, die früher Bauerngüter gewesen sind. [...] Das will die Gemeinde nicht weiter hinnehmen.«
Vor 500 Jahren ereignete sich etwas, das im Rückblick eigentlich unvorstellbar erscheint: Von den Alpen bis zum Harz, vom Elsass bis nach Tirol erhoben sich die Bauern – und zwar nicht etwa als wilder Haufen. Sie schlossen sich zusammen, diskutierten, wählten Hauptleute und formulierten Artikel, in denen sie tiefgreifende Reformen forderten und diese sowohl politisch als auch theologisch begründeten.
Was uns hier entgegentritt, ist keine schmutzige, verarmte, ungebildete und vor allem unmündige Masse, als die die ›Kleinen Leute‹ des Mittelalters oft missverstanden werden, sondern eine selbstbewusste, organisierte, ja fast aufgeklärte Bauernschaft, in deren Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit nicht wenige die erste Forderung nach dem erkennen, was wir heute als allgemeine Menschenrechte begreifen.
Doch es kämpften nicht nur Bauern gegen Fürsten: Auch städtische Unterschichten, reiche Patrizierfamilien, verarmter Landadel und nicht zuletzt reformatorische Prediger sowie der altgläubige Klerus griffen auf unterschiedlichen Seiten in den Konflikt ein. Die Ausgangssituation war regional so unterschiedlich wie die Bündniskonstellationen und die konkreten Forderungen, um die gekämpft wurde. Der ›Bauernkrieg‹ war also eine komplexe und vielschichtige Verkettung regionaler Aufstände, in der alle gesellschaftlichen Schichten eine Rolle spielten. Kein Wunder, dass Historikerinnen und Historiker seit jeher über ihn diskutieren. Eines blieb dabei stets unbestritten: Der sogenannte ›Bauernkrieg‹ war ein Großereignis mit immenser Tragweite. Ohne ihn und insbesondere sein grausames Ende wäre die europäische Geschichte grundlegend anders verlaufen.
Der 500. Jahrestag der Aufstände wurde in Sachsen-Anhalt, dem Heimatland der Reformation, 2025 mit einer dezentralen Landesausstellung sowie einer Vielzahl ganz unterschiedlicher kultureller Ereignisse begangen, die konkrete Schauplätze und regionale historische Akteure der Aufstände in den Mittelpunkt stellten.
Bis 2025 wurden die authentischen Stätten des ›Bauernkriegs‹ kaum archäologisch erforscht. Doch die Schriftquellen sind lückenhaft und geben fast immer nur die Perspektive der Sieger wieder: Städtische Amtsträger spielten die Beteiligung der Bürger herunter, die Verwalter der Klöster veranschlagten die Schäden möglichst hoch und die weltlichen Schutzherren nutzten den Streit, um ihre Macht auszubauen. So bleiben die konkreten Ereignisse des ›Bauernkriegs‹ der historischen Forschung oft verborgen. Archäologische Zeugnisse versprechen dagegen einen direkten und ungeschönten Einblick.
Als Beitrag zum Gedenkjahr ›Gerechtigkeyt. Thomas Müntzer & 500 Jahre Bauernkrieg‹ führte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie) Sachsen-Anhalt ein breites Forschungs- und Vermittlungsprojekt durch, das die Ergebnisse aktueller Ausgrabungen an authentischen Stätten des ›Bauernkriegs‹ in Sachsen-Anhalt in Ausstellungen im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) sowie an zwei Korrespondenzstandorten präsentierte. Darüber hinaus hatten Interessierte die Möglichkeit, selbst aktiv an der Erforschung der Aufstände vor 500 Jahren teilzunehmen.
Dank der großzügigen Förderung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie des Landes Sachsen-Anhalt entstand so ein vielschichtiges Projekt, das neue Wege in der Forschung und Vermittlung regionalhistorischer Themen aufzeigt.
Spurensuche an den Schauplätzen von 1524 / 1525
Den Ausgangspunkt des Projekts bildeten neue archäologische Untersuchungen an drei Schauplätzen des Geschehens: der Mallerbacher Kapelle, wo der Unmut der Bevölkerung sich 1524 erstmals in Gewalt entlud, und die Klöster Himmelpforte bei Wernigerode und Kaltenborn bei Sangerhausen, die beide im Frühling des Jahres 1525 geplündert wurden.
Archäologie des Bauernkriegs – ausgestellt
Die Ergebnisse der archäologischen Spurensuche an den Stätten des Bauernaufstands im heutigen Sachsen-Anhalt standen im Mittelpunkt von drei Ausstellungen. Während sich das Landesmuseum auf die Ergebnisse der Forschungen an den drei authentischen Orten konzentrierte, ordneten die Sonderausstellungen in Wernigerode und Sangerhausen die jeweiligen Klöster detailliert in die Regionalgeschichte ein und thematisierten das Klosterleben sowie die Ereignisgeschichte vor Ort.
Lebendige Geschichtsorte – Ehrenamt und Citizen Science
Ein zentrales Anliegen des Projektes war es, Interessierten die Spuren des ›Bauernkriegs‹ unmittelbar an seinen Schauplätzen zugänglich zu machen. An den Ausgrabungen in Himmelpforte, Kaltenborn und an der Mallerbacher Kapelle beteiligten sich insgesamt Ehrenamtliche für bis zu sechs Wochen. Darüber hinaus gelang es, zahlreiche Geschichtsinteressierte als Unterstützer zu gewinnen, die nicht nur die Grabungen begleiteten, sondern auch eigene Forschungsimpulse einbrachten und so den Citizen-Science-Aspekt maßgeblich ausbauten. Neben diesen Tätigkeiten engagierten sich ehrenamtliche Helfer auch bei den öffentlichen Grabungsführungen.
Was bleibt – Filme und Publikationen
Um die Ergebnisse der laufenden Forschungen auch einem breiteren Publikum langfristig zugänglich zu machen – insbesondere jenen Interessierten, die die Ausstellungen oder Grabungsorte nicht besuchen konnten –, wurden verschiedene mediale Formate veröffentlicht.
Ein Fazit
Thomas Müntzer, Wider das geistlose und sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, 1524: »Das Volk wird frei werden, und Gott will allein der Herr darüber sein!«
Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt zu authentischen Stätten des ›Bauernkriegs‹ zeigte eindrucksvoll, wie eng wissenschaftliche Forschung, kulturelle Vermittlung und bürgerschaftliches Engagement zusammenwirken können. Es entstand ein vielfältiges Netzwerk aus Ausstellungen, Grabungen und Bildungsangeboten, das Menschen an sechs Orten in Sachsen-Anhalt einlud, den archäologischen Spuren des ›Bauernkriegs‹ nachzugehen. Ob bei einem Ausstellungsbesuch in Halle, Wernigerode oder Sangerhausen, einer Grabungsführung an den Stätten in Himmelpforte, Kaltenborn und Mallerbach oder ganz ortsunabhängig online – überall eröffneten sich neue archäologische Perspektiven auf die Ereignisse vor 500 Jahren.
Der große Anklang machte deutlich, dass der ›Bauernkrieg‹ nicht nur ein historisches Ereignis ist, sondern bis heute Fragen nach Gerechtigkeit, Glauben und gesellschaftlichem Wandel berührt. Die enge Zusammenarbeit von Museen, Gemeinden und Ehrenamtlichen stärkte nachhaltig die Wertschätzung für Forschung und kulturelles Erbe. Diese beeindruckende Resonanz gab den Anstoß, dass lokale Akteure über eine weitere Vermittlung vor Ort nachdenken. Bislang werden beispielsweise die zu den Ausgrabungen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt erstellten Infotafeln weitergenutzt.
Besonders sichtbar wurde dieses Engagement und Miteinander an den lebendigen Geschichtsorten in Himmelpforte, Kaltenborn und Mallerbach. Dort kamen Menschen zusammen, um zu lernen, zu graben, zu forschen und auch um ihr Wissen weiterzuvermitteln: Kinder, Erwachsene, Senioren, Heimatforscher und Universitätsprofessoren, allein oder aus Vereinen, Gemeinden, Firmen und Behörden.
Das Projekt vermittelte somit nicht nur die Bedeutung unserer Bodendenkmale und ihrer archäologischen Erforschung, sondern griff das große Interesse vor Ort auf und trug dazu bei, die Begeisterung der Menschen für ihre eigene Geschichte weiter zu vertiefen. Es eröffnete ihnen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und mitzugestalten – und demonstrierte, wie wirkungsvoll kulturelle Projekte sein können, die bewusst Menschen in Kleinstädten und ländlichen Räumen einbeziehen.
Projektbeteiligte und Partner
An dem Forschungs- und Vermittlungsprojekt im Rahmen des Gedenkjahrs ›Gerechtigkeyt. Thomas Müntzer & 500 Jahre Bauernkrieg‹ in den Jahren 2024 und 2025 war sowohl am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) als auch an weiteren Institutionen eine Vielzahl von Personen beteiligt.
Wir danken dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für die Unterstützung.
Wir danken dem Land Sachsen-Anhalt für die Unterstützung.

Das Projekt war ein Beitrag zum Gedenkjahr ›Gerechtigkeyt. Thomas Müntzer & 500 Jahre Bauernkrieg‹.
Das Projekt war Teil der Landesausstellung Sachsen-Anhalt Gerechtigkeyt 1525.


![Das Netzwerk der am Projekt beteiligten Einrichtungen umfasste das Harzmuseum Wernigerode, das Spengler-Museum Sangerhausen und das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) – die Forschung und Vermittlung hatte die drei authentischen Orte der Bauernaufstände Himmelpforte, Kaltenborn und Mallerbach im Fokus. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Klaus Pockrandt (Halle [Saale]).](/fileadmin/_processed_/d/2/csm_landesmuseum_archaeologie_bauernkrieg_netzwerk_projekt_62d0834b2b.png)