Archäologie des Bauernkriegs in Sachsen-Anhalt – Ein Projektrückblick
Spurensuche an den Schauplätzen von 1524 / 1525
Den Ausgangspunkt des Projekts bildeten neue archäologische Untersuchungen an drei Schauplätzen des Geschehens: der Mallerbacher Kapelle, wo der Unmut der Bevölkerung sich 1524 erstmals in Gewalt entlud, und die Klöster Himmelpforte bei Wernigerode und Kaltenborn bei Sangerhausen, die beide im Frühling des Jahres 1525 geplündert wurden.
Erste Voruntersuchungen, darunter systematische Feldbegehungen, Detektorsurveys, geophysikalische Prospektionen und Sondage-Grabungen begannen mit Blick auf das anstehende Jubiläum bereits 2022. Die Forschungsarbeiten des Teams unter der Leitung von Prof. Dr. Felix Biermann ermöglichen erstmals einen Blick auf die konkreten Spuren der Zerstörung, die der ›Bauernkrieg‹ in den Klöstern hinterließ. Die Befunde gaben nicht nur Anlass für weitergehende Ausgrabungen, sondern stießen auch auf großes öffentliches Interesse.
Im Rahmen des vom Bund und dem Land Sachsen-Anhalt geförderten Projekts konnten die Forschungsarbeiten daraufhin 2024 und 2025 deutlich vertieft und insbesondere größere Abschnitte der zerstörten Klosteranlagen systematisch freigelegt werden.
Im Zusammenspiel mit umfangreichen landesgeschichtlichen Forschungen von Dr. Gerrit Deutschländer ermöglichte das geförderte Forschungsprojekt erstmals, die religiösen und sozialen Umbrüche jener Zeit anhand ihrer materiellen Spuren als objektive Zeugnisse zu untersuchen. Die Untersuchungen im Gelände bildeten zugleich die wissenschaftliche Grundlage für die im Rahmen des Projekts realisierten Ausstellungen und Vermittlungsmaßnahmen, die den ›Bauernkrieg‹ nicht als ferne Episode, sondern als lebendigen Teil mitteldeutscher Geschichte erfahrbar machten.
Wiederentdeckung der Mallerbacher Kapelle
Prospektionskampagne vom 5. Februar bis zum 11. Dezember 2024.
1. Forschungsgrabung vom 6. bis zum 20. September 2024.
2. Forschungsgrabung vom 22. September bis zum 17. Oktober 2025.
Die Zerstörung der Mallerbacher Kapelle 1524 gilt als erstes Vorzeichen der Unruhen, die sich 1525 zum ›Bauernkrieg‹ ausweiten sollten. Der genaue Ort des Geschehens geriet jedoch in Vergessenheit. Bereits 2023 begannen daher Recherchen in Quellen und auf Altkarten. Feldbegehungen und geophysikalische Surveys folgten. Vor allem dank des engagierten Einsatzes des langjährigen ehrenamtlich Beauftragten in der Bodendenkmalpflege Frank Philippczyck gelang es, eine Verdachtsfläche ausfindig zu machen, auf der 2024 ein erster Grabungsschnitt angelegt wurde.
Selbst für die Experten des Forschungsteams überraschend, kamen dabei nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche die gut erhaltenen Grundmauern der kleinen Wallfahrtskirche zum Vorschein. Sensationell war vor allem, dass man zu Beginn der Grabungen sofort auf unmittelbare Zeugen der Zerstörung von 1524 stieß: Verkohlte Dachbalken und Ziegel des eingestürzten Kirchendachs, starke Brandspuren am Mauerwerk und sogar am Fundament des Altars.
Das Gotteshaus war ursprünglich die Kirche des Dorfs Mallerbach, das im späten Mittelalter wüst gefallen war. Errichtet im 12. Jahrhundert, hatte das Bauwerk verschiedene Umbauten erfahren, insbesondere an seinem Ostabschluss. Nahe der Kapelle kamen zahlreiche Gräber ans Tageslicht, darunter die Bestattung eines Kindes in einem Kopfnischensarkophag aus dem 12. Jahrhundert sowie ungewöhnlich viele Niederlegungen von Kleinkindern, was mit schriftlich belegten Marienkult in Verbindung stehen könnte. Neben der Kirche fand sich der tonnengewölbte Keller des Küsterhauses, das ebenfalls 1524 in Brand gesetzt worden war. Unter den Funden sind mehrere Pilgerzeichen und eine größere Menge spätmittelalterlicher Münzen hervorzuheben, die wohl mit dem schriftlich überlieferten Marktgeschehen an der Wallfahrtskapelle in Zusammenhang stehen. So ergibt sich ein facettenreiches Bild von Anfang, Existenz und Ende des Kirchleins.
Ansturm auf die Himmelpforte
1. Prospektionskampagne vom 13. bis zum 23. Juni 2022.
2. Prospektionskampagne vom 22. Mai bis zum 7. Juni 2023.
1. Forschungsgrabung vom 10. bis zum 14. Juli 2023.
3. Prospektionskampagne vom 22. April bis zum 20. Dezember 2024.
2. Forschungsgrabung vom 23. September bis zum 11. Oktober 2024.
3. Forschungsgrabung vom 21. Juli bis zum 15. August 2025.
Nach Voruntersuchungen 2022 gelang 2023 die genaue Lokalisierung der Klausur des ehemaligen Klosters Himmelpforte. Die genaue Lage sowie Gestalt und Ausdehnung der Klosterbauten war nach der Zerstörung im ›Bauernkrieg‹ 1525 und der nachfolgenden Aufgabe des Konvents in Vergessenheit geraten. Fundamente von Kirche und Kreuzgang sowie des spätgotischen Refektoriums ließen die Gestalt des Klosters deutlich werden. Zahlreiche Funde – von Buchbeschlägen und Schreibgriffeln bis hin zu Geräten und Werkzeugen – veranschaulichten das Leben im Kloster. Glasscherben, Brandschichten und ein kleiner Goldschatz zeugen vom Untergang des Klosters nach seiner Plünderung in den Unruhen des Jahres 1525.
2024 konnten weitere Abschnitte der Klosterkirche mit qualitätvollen Fußböden und gotischer Bauzier freigelegt werden. Reste einer Warmluftheizung sowie Funde von Pilgerzeichen und Buchschließen verdeutlichen die einstige Ausstattung und Bedeutung des Konvents. Zwei verzierte Grabplatten, darunter jene der 1520 verstorbenen Gerrun von Königstein, gaben spannende Einblicke in die Bestattungs- und Gedenkkultur im Kloster. Die zugehörigen Gräber konnten 2025 freigelegt werden und bilden einen besonders interessanten Gegenstand der laufenden anthropologischen Bearbeitung.
Diese dritte Grabungskampagne erbrachte nicht nur zahlreiche Gräber des 13. bis 16. Jahrhunderts, sondern auch neue Erkenntnisse zur Baugeschichte: Beispielsweise konnte die erst 1478 südlich an die Kirche angesetzte Katharinenkapelle untersucht werden.
Spuren des Niedergangs im Stift Kaltenborn
1. Prospektionskampagne vom 19. bis zum 28. April 2023.
1. Forschungsgrabung vom 17. Juli bis zum 11. August 2023.
2. Prospektionskampagne vom 5. März bis zum 13. Dezember 2024.
2. Forschungsgrabung vom 2. bis zum 20. September 2024.
3. Forschungsgrabung vom 18. August bis zum 12. September 2025.
Im ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift Kaltenborn wurden 2023 unter mächtigen Schuttmassen überraschend gut erhaltene Baureste der romanischen Stiftskirche freigelegt – darunter übermannshohe Mauersockel mit Zierelementen und teils erhaltenen Resten der Wandbemalung. Die gefundenen Münzen und Buchbeschläge stammen aus der Blütezeit des einst wohlhabenden und einflussreichen Konvents. Brand- und Trümmerschichten, zerschmolzene Metallobjekte und zerstörte Ofenkacheln verweisen auf die gewaltsame Plünderung durch aufständische Bauern im Frühjahr 1525.
2024 wurden die Forschungen fortgesetzt. Neben weiteren Befunden zur Zerstörung konnten auch bedeutende Artefakte zur Klostergeschichte geborgen werden, darunter Fragmente des Siegelstempels des Konvents.
2025 lag Fokus der Grabungen auf den Wirtschaftsbereichen der weitläufigen Anlage. Dabei wurden Fundamente der mutmaßlichen Zehntscheune sowie eine Glockengussanlage entdeckt. Reiche Kleinfunde – von Schreibgriffeln bis zu landwirtschaftlichem Gerät – verdeutlichen die ökonomische Bedeutung des Klosters. Mächtige Brandschichten bezeugten auch in den Wirtschaftsgebäuden die Zerstörungen des Jahres 1525.













