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Sichelmassen

Bei Baggerarbeiten wurden 1946 in Frankleben (Ortsteil von Braunsbedra im Saalekreis) 200 Sicheln und 16 Beile entdeckt. Dem Gewicht nach handelt es sich bei den Funden um einen der mächtigsten Bronzehorte Mitteleuropas.

Die massenhafte Deponierung von Sicheln ist eine Besonderheit der Fundlandschaft im mittleren Saalegebiet. In derselben Region hatte man 800 Jahre zuvor umfangreiche Beilhorte niedergelegt. Diese Tradition scheint 30 Menschengenerationen fundleerer Zeit überdauert zu haben. Man kann die Sichelfunde als gemeinschaftlich dargebrachte Bitt- oder Dankesgaben verstehen. Jede einzelne Sichel ist vielleicht der Beitrag einer Person oder einer Gruppe zum großen Opferfest. Viele Bronzen sind unbenutzt und wurden zuvor nie zur Ernte verwendet. Die Sichel als Erntegerät verbindet den Lauf des bäuerlichen Jahres mit der Form des abnehmenden oder zunehmenden Mondes. Als Opfergabe vereint sie so die Fruchtbarkeit der Erde mit dem immer wiederkehrenden Lauf der Gestirne am Nachthimmel.

Viele Sicheln tragen strichförmige Markierungen. Umfang und Ordnung dieser Marken folgen einem festgelegten Schema. Diese Zeichensprache kann als Vorform eines Schriftsystems gedeutet werden. Man kann zwei Arten von Symbolen unterscheiden: strichförmige Gussmarken unterhalb des Knopfes und zeichenförmige Marken im Winkel oder an der Basis des Sichelkörpers. Der Archäologe Christoph Sommerfeld untersuchte das Regelwerk und erkannte, dass die Gussmarken aus ein bis neun Rippen zusammengesetzt sind. Nach vier linksseitigen, einzeln gezählten Strichen folgt eine Bündelung als Fünfer auf der rechten Seite. So entsteht ein Zählsystem, das bis 29 reicht. 29 Tage oder Nächte dauert der synodische Mondumlauf. Diese Zahl und die Mondgestalt der Sichel legen nahe, die Strichgruppen als Kalenderblätter, als einen Zeitpunkt im Monatszyklus, zu deuten. Die Sichelmarken sind das älteste bekannte Zeichensystem in Mitteleuropa.

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